IRONMAN Tallinn 22.8.26:
3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und oben drauf noch ein Marathon: WARUM TUE ICH MIR DAS EIGENTLICH IMMER WIEDER AN ?
Es ist Samstag der 22. August 2026. Am späten Ende des heutigen Tages würde ich meinen 10. Ironman finishen …. und vielleicht der Antwort auf die oben gestellte Frage ein ganzes Stück näher gekommen sein.
Nein, nach Estland wollte nun wirklich niemand mit, ich habe alle gefragt, jeder hat mir einen Korb gegeben. Warum auch ? Das doch sehr karge Land an der ungastlichen Ostsee und als Nachbarn Russland hat wirklich nicht viel zu bieten. Es würde mein erster Ironman sein, den ich ganz alleine und ohne jegliche Unterstützung absolvieren würde. Dabei vergingen die 2 Tage Vorbereitung vor Ort wie im Fluge, man hat da einfach soviel zu organisieren. Auch logistisch macht man ein solches Unterfangen nicht mal so eben.
So stehen wir bald – 1700 im Neoprenanzug eingepackte „Bekloppte“ um 7:00 morgens am Ufer das RAKU Sees bei Tallinn und warten auf den Startschuss. Aber der Startschuss kommt nicht. Beim Blick auf den See weiß jeder sofort warum: das Wasser ist wärmer als die zu dieser Zeit 11 Grad messende Außentemperatur und folglich hat sich Nebel über dem Wasser gebildet. Man kann schlichtweg nichts sehen, nicht einmal die nur 100 Meter vom Ufer entfernte riesige Boye die uns Schwimmern den Weg durch das Wasser zeigen soll. Eine geschlagene Stunde müssen wir warten bis die Veranstalter sich -nicht ohne Risiko – dazu durchringen das Rennen stattfinden zu lassen. Was wenn sich irgendwer verschwimmt und nicht gerettet werden kann weil man ihn einfach nicht sieht.
Mein Schwimmen läuft gut, für meine Verhältnisse sogar ziemlich gut. Aber bald merke ich, dass ich bei der Wahl meines Neoprenanzuges einen großen Fehler gemacht habe. Um möglichst viel Bewegungsfreiheit in den Armen und Beinen zu haben habe ich mich für einen Anzug entschieden, der im Schulterbereich nur eine hauchdünne Neopren Schicht hat. Aber die ist für das Wasser, das an diesem Morgen 17,8 Grad kalt ist, viel zu dünn. Mir wird immer kälter, selbst kräftige Armzüge wärmen den Oberkörper nicht mehr auf. Als ich aus dem Wasser steige bibbert der ganze Körper. Meine Hände zittern so stark, dass ich kaum meine Radschuhe zubinden kann. Ganz zu Schweigen von dem Verschießen des Helms. Es muss für die vielen Zuschauer jämmerlich ausgesehen haben. Erst nach mehr als 1 Stunde hartem Radfahren wird es mir langsam wieder warm. Die Strategie auf dem Rad: gib nicht alles, du musst anschließend noch einen Marathon laufen. So lange habe ich im Training geübt, die richtige Wattwerte zu finden, nach der ich meine Belastung ausrichten kann. Aber just heute versagt mein Wattmesser, ich kenne weder meine Leistungsdaten noch meine durchschnittliche Pace. Ich fahre mal wieder nur nach Gefühl. Ca. bei Kilometer 120 beginnt das angekündigte Schauspiel. Erst frischt der Wind auf, dann beginnt es langsam zu regnen. Aber das Ganze entwickelt sich zu einem selten erlebten Orkan, aus dem Himmel ergießt sich das Wasser wie aus Kübeln. Und die letzten 30 Kilometer muss ich mich gegen die Windrichtung nach Tallinn zurück kämpfen. Streckenweise habe ich den Eindruck ich stehe auf der Stelle. Als ich endlich in der Wechselzone ankomme bin ich völlig erschöpft. Und es schüttet weiter wie aus Eimern.
Niemand, aber auch wirklich niemand will sich da unter freiem Himmel auf seinem Platz, einer einfachen Holzbank umziehen. Die Organisatoren haben dafür ein kleines Zelt vorbereitet, getrennt für Männer und Frauen. Und für natürlich ist das Zelt viel zu klein für die vielen Athleten, die gleichzeitig mit mir angekommen sind. Aber es hat halt einen großen Vorteil: es ist warm darin und trocken. So stehen oder sitzen zahlreiche nackte Männer dicht gedrängt, um sich für die letzte Probe, den Marathon vorzubereiten. Ein Kampfrichter kommt herein und teilt einem Athleten mit, er hätte das Zeitlimit beim Schwimmen überschritten und ist disqualifiziert – der kräftige Mann fängt an bitterlich zu weinen. Ich bibbere erneut am ganzen Körper, und bleibe einfach eine Weile so sitzen bis mir wärmer ist. Mir ist meine heutige Finisherzeit schon längst egal. Hauptsache das Teil irgendwie nach Hause bringen, egal wie.
Als ich endlich aus dem Zelt trete ergießen sich die Wolkenbrüche als würde die Welt untergehen. Dazu ein Orkan der, das würde ich später noch beim Laufen sehen, der zahlreiche Äste abreißt. Kurz vor meiner Abfahrt nach Tallinn ist eine
Frau in Deutschland, eben bei so einem Unwetter von einem Ast erschlagen worden. Aber die Organisatoren denken nicht an Abbruch – ich auch nicht !!! Die Laufstrecke geht im wesentlichen durch den Ostseepark Tallinn. Heißt man hat einige Wege entlang dem Meer asphaltiert, vereinzelt ein paar Bäume und sonst nichts. Ich sehe wie der Wind die Ostsee aufbraust, der Regen hat mittlerweile die Wege so zugeschüttet, dass wir bis zu den Knöcheln durch das Wasser stolpern. Es wird langsam dunkel und richtig kalt. Viele Teilnehmer schützen sich mit Silberfolien, die der Veranstalter an den Verpflegungsstellen verteilt.
Es ist Samstag Abend. Jeder normale Bürge sitzt jetzt gemütlich zuhause bei einem Glas Rotwein und schaut sich im TV eine Unterhaltungssendung an. Ich fange an zu sinnieren: WARUM TUE ICH MIR DAS IMMER WIEDER AN. Viele meiner Alterskollegen sagen zu mir wenn ich von meinem
Sport erzähle – sie hätten sich im Leben nichts mehr zu beweisen. Ich glaube ein Psychologe oder ein Psychiater würde an dieser Stelle meine Kindheit durchstöbern. Und vielleicht würde ich ihm erzählen, dass ich als Jugendlicher gar kein guter Sportler war. Mir fehlte jegliches Talent. Dutzende von Turnlehrern haben versucht mir den Aufschwung am Reck beizubringen. Ich kann ihn heute noch nicht. Warum ist Linda Ashmore 2018 im Alter
von 71 Jahren und 305 Tagen (also genauso alt wie ich jetzt) durch den Ärmelkanal geschwommen ? Vielleicht weil sie den Respekt gebraucht hat – den Respekt vor und für sich selbst.
Irgendwann, spät in der Nacht, nach Stunden des Leidens, der Qualen und des Durchbeißens überquere ich die Ziellinie. Irgendwer ruft aus der Ferne – You Are an Ironman. Aber so richtig Anteil nimmt niemand. Die Zuschauerränge sind bei diesem Wetter eh leer gefegt.
Im Zielbereich ist ein riesiges Büffet für die Sportler aufgebaut.
Ich aber will mur ganz schnell in mein Zimmer in einem relativ sterilen Apartementhaus für Durchreisende …. und mich stundenlang ganz heiß duschen. Und morgen, morgen gehe ich mit Stolz geschwollener Brust zur Siegerehrung, ich habe nämlich in der Altersklasse 70-74 den zweiten Platz belegt.
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